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Ananda Muylaert, Ambrose Creatives – The Ambrosia Journal – Tanja Hoffmann: Überlegungen zur Farbe als Entität und Spiegel des Selbst | 2026

Die deutsche Künstlerin Tanja Hoffmann erschafft durch ihre Experimente mit Farbe unmögliche Orte auf ihren Leinwänden; Nicht „unmöglich“, weil sie unrealistisch wären, sondern weil sie aus den immateriellen Bausteinen gebaut sind: unser Bewusstsein. 

Diese Orte bestehen aus quasi-organischen Formen, die aus sorgfältig aufgetragenen leuchtenden Farben entstehen. Hoffmann betont in ihrer Serie „Zenpolychromos“ die Idee der „Meditation“ und vermittelt einen grundlegenden Aspekt menschlicher Erfahrung – die Verbindung oder deren Fehlen zwischen dem Betrachteten und dem Gesehenen , indem sie den Betrachter zur Reflexion über seine eigenen Sinneserfahrungen einlädt. Indem sie etwas schafft, das physisch begrenzt ist und sich dennoch auf geheimnisvolle Weise ausdehnt, werden die von Hoffmann gemalten Räume zu unerschöpflichen Quellen tieferen Bewusstseins für das Sein im Raum und das Sein im Inneren. 

Wir haben uns mit der Künstlerin unterhalten, um besser zu verstehen, wie sie die innere Präsenz sieht, die sie hervorrufen möchte, und wie diese während ihres kreativen Prozesses entsteht. 

Alle Ihre Gemälde zeugen von einer sorgfältigen Gestaltung von Textur und Tiefe. Was hat Sie ursprünglich zur abstrakten Kunst hingezogen, und wie haben Sie die richtige Technik gefunden? 

Ausgangspunkt meiner Arbeit war stets die Faszination für Farbe und Licht als eigenständige Phänomene. Die abstrakte Malerei bietet mir die Möglichkeit, mich der Farbe als konzeptuelles Forschungsfeld zu nähern. 

Meine Arbeit lässt sich als kontinuierliche Auseinandersetzung mit Farbwahrnehmung, Transparenz und Tiefe verstehen. Die Technik entwickelte sich über viele Jahre durch systematisches Experimentieren. Ein zentrales Element meines Prozesses ist die Rakeltechnik, bei der 30 bis 90 Prozent der Farbe von der Oberfläche abgetragen werden. Zurück bleibt eine extrem dünne Farbschicht, die das Licht nicht blockiert, sondern durchlässt. 

Durch die Schichtung entstehen neue Farbwerte, die sich aus der Wechselwirkung einzelner Pigmente und nicht aus deren Zusammensetzung entwickeln. Die Farbe erhält Raum zur Entfaltung, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Bildfläche. Die Werke reichen oft über die Bildebene hinaus und schaffen so eine räumlich weite Atmosphäre, die das Gemälde als offenes Feld greift. 

Der Prozess wird zusätzlich durch verlängerte Trocknungsphasen beeinflusst. Diese zeitliche Verzögerung ist ein integraler Bestandteil der Arbeit, da sich Farbe, Tonwerte und Transparenz erst durch Ruhe und Zeit stabilisieren. 

Dieser Prozess wird stets von einer meditativen Haltung begleitet. Elemente der Zen-Praxis sind fester Bestandteil des Arbeitsumfelds. Sie fördern einen Zustand konzentrierter Präsenz, strukturieren den Arbeitsrhythmus, ohne ihn zu lenken, und es, Farbe und Licht aufmerksam zu ermöglichen, zu begleiten, anstatt sie zu kontrollieren. 

Tiefe entsteht in diesem Sinne nicht durch Materialdichte, sondern durch Reduktion, Schichtung und die Wechselwirkung mit Licht.

Sie beschreiben Ihre Arbeit als „Erforschung der Farbe als Energiefeld“. Haben Sie bestimmte kreative Rituale, die Sie befolgen, um diese Energie zu kanalisieren? Was helfen Ihnen diese Rituale zu erreichen? 

Ich beginne meine Arbeit mit Farbtests. Ich wähle bis zu drei Farben aus und erweitere sie durch Mischen, bis sich ihr Farbspektrum vervielfacht. Diese Phase schärft meinen Blick für Nuancen und Übergänge und bildet die Grundlage für die anschließende Arbeit auf der Bildfläche. 

Ich arbeite ausschließlich mit natürlichem Licht und niemals unter künstlichem Licht, da Farbwahrnehmung, Transparenz und Tonwerte nur unter diesen Bedingungen zuverlässig beurteilt werden können. Tageslicht wird so zu einem integralen Bestandteil meiner Arbeit und beeinflusst jede Entscheidung. 

Der Arbeitsprozess ist geprägt von Wiederholung, Pausen und Achtsamkeit. Auftragen, Entfernen und Warten schaffen einen gleichmäßigen Rhythmus, der die Entscheidungsfindung verlangsamt und die Sensibilität für minimale Farbnuancen schärft. Farbe wird nicht symbolisch betrachtet, sondern als physisches und energetisches Phänomen, das sich im Laufe des Prozesses entfaltet. 

Diese Arbeit wird stets von einer meditativen Haltung begleitet, in einer hochkonzentrierten Arbeitsphase, die äußere Reize reduziert und es ermöglicht, Farbe als ein offenes, sich entwickelndes Feld zu erkunden, anstatt sie zu kontrollieren. 

Sie erstellen auch Collagen, von denen einige auf diesen Farbfeldhintergründen basieren. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sehen Sie zwischen dem Prozess, etwas Figuratives bzw. etwas Abstraktes zu schaffen? 

Sowohl die abstrakte Malerei als auch die Collage in meinen Arbeiten basieren auf dem Prinzip der Schichtung. Die wesentlichen Unterschiede liegen in der Lesbarkeit und in der Art der Inhaltsdarstellung. 

Collagen sind für den Betrachter meist unmittelbar verständlicher. In der nicht-gegenständlichen Malerei hingegen vermeide ich klare Bezüge und öffne stattdessen einen Wahrnehmungsraum, in dem Bedeutung durch Resonanz statt durch Erzählung entsteht. 

Die beiden Ansätze ergänzen sich. Während die abstrakten Arbeiten emotionale Zustände verdichten, ermöglicht die Collage eine differenziertere Auseinandersetzung mit komplexen Themen, die sich durch Figuration präziser darstellen lassen. In Kombination erzeugen sie eine gesteigerte Intensität. Diese Verflechtung von Abstraktion und Figuration ist eine Richtung, die ich künftig verstärkt verfolgen möchte. 

Die Fragmentierung der Bildsprache in Ihren Collagen zerlegt Bilder, Identitäten und Worte und erschafft ihnen neue Welten. Diese Zerlegung eröffnet viel Raum für Selbstreflexion, angeregt durch die äußere Wahrnehmung. Ihre Zenpolychromos hingegen vermitteln ein starkes Gefühl eines harmonischeren, tieferen Denkraums, der unabhängig von äußeren Einflüssen ist. Wie würden Sie die Emotionen beschreiben, die Ihre abstrakten Werke Ihrer Meinung nach beim Betrachter hervorrufen? 

Within the Zenpolychromos, an atmosphere of calm, concentration, and inward focus emerges that operates independently of external stimuli. The works open a space in which perception slows down, and attention turns inward. 

Especially in dialogue with one another, the Zenpolychromos develop an experiential colour space. Through their collective presence, relationships form between individual colour fields that extend beyond the single image. In contrast to the collages, the abstract works are less confrontational. They offer no narrative entry point, but rather an open structure that invites lingering. Emotions arise here not through content, but through colour spaces, the interaction with light, and temporal depth. 

Many viewers describe a sense of clarity, inner spaciousness, or meditative presence. The works create a space for experience and thought that is not oriented toward self-analysis, but toward quiet perception. In this sense, I understand the Zenpolychromos less as expressions of a state than as invitations into a state.

“In non-representational painting, I avoid clear references and instead open a perceptual space in which meaning emerges through resonance rather than narration.”

Finally, the idea of “inner presence”, introspection, and meditation are very present in your work. I’m interested in hearing about your personal headspace while you’re working on a piece and how it influences the results. When looking at the Zenpolychromos as a series, there’s an incredible variation of colors and compositions; do you choose the colors, or do the colors choose you? How would you describe the way your art comes into being? 

My state of mind while working is shaped by presence and openness. I try to step back from control and allow decisions to emerge from attentive engagement with the process itself. In this sense, working is less about executing a predefined outcome and more about entering a continuously shifting state.

The process can be described through the image of a river - one that you step into again and again. Even though the movement may feel familiar, it is never the same. Each work arises from new conditions, new experiences, and altered inner and outer circumstances. This openness to change fundamentally informs the way the work develops. 

Within the Zenpolychromos series, this results in a wide range of colours and compositions. The colours are not determined in advance; they evolve through dialogue with previous layers, light conditions, drying phases, and perception. In this sense, I do not simply choose the colours - the colours emerge through the process. The series is less a closed system than an ongoing experience, in which each work represents a new moment within the same flow.

Tanja Hoffman’s invitations to soften the rhythm of life and ponder are irresistible, zen and Walden-like. Her infinite layerings, scraping, drying, and letting light in seem to work perfectly as an analogy to the composition and evolution of the unexplainable, immaterial presence we understand as the “I”. Looking at a canvas, indeed, can be one of the most powerful ways to see ourselves.


Article by Ananda Muylaert

A Brussels-based full-time writer, multidisciplinary artist and researcher specializing in the phenomenology of painting and Japanese art, she has produced an extensive body of work in art, music, and poetry. Her artworks and published research on phenomenology, essays and poetry have been published in four languages across two continents.

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Her artistic practice - paintings, drawings and installations - revolve around the idea of searching for rationality in animality (and vice-versa), an infatuation with organic texture, and the relation of the urban Self with the world around it: through the transgressions and desertions of the domestication of the Human species, and especially through words. 

Her previous work experience includes a role at the historical Federal Cultural Center of Heritage Paço Imperial in Rio de Janeiro, Brazil, where she worked closely with prestigious institutions such as the Institut Goethe, the Instituto Moreira Salles, and the embassies of France, Japan, and China.

Ambrose Creatives

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